Environmentalists Nachrichten
Von: Katrin Seidel
Der Nil - Lebensader einer ganzen Region
Der Nil, der sich auf seinem Weg zu seiner Mündung ins Mittelmeer durch sieben afrikanische Staaten schlängelt, ist durch seine jährlichen Hochwasser die Lebensader für eine ganze Region. Seit Jahrtausenden sind Mensch und Natur auf sein Wasser und seinen fruchtbaren Schlamm angewiesen, doch der Versuch, den Nil mit immer neuen Dämmen zu kontrollieren, bringt das ganze System aus dem Gleichgewicht.
Der Nil beginnt seine Reise in den Bergen von Burundi (Luvironza) und Ruanda (im Nyungwe-Wald) und besteht aus zwei Quellflüssen, die zusammen in Uganda in den Akagera-Nil fließen und u.a. den Weißen Nil speisen sowie dem aus Äthiopien kommenden Blauen Nil, der als einer der sechs Hauptnebenflüsse fungiert. Der Weiße und der Blaue Nil treffen sich in Khartoum im Sudan und treten dann gemeinsam ihre Reise nach Ägypten an. Vor allem den fruchtbaren, kalihaltigen Sedimenten, die in der Regenzeit im Abessinischen Hochland in den wasserreichen Blauen Nil geschwemmt werden, verdankt Ägypten dabei seine frühen Hochkulturen. Ohne die jährlichen Ablagerungen des Nilschlamms und ohne seine lebensspendenden Fluten wäre auch heute keine Landwirtschaft im sonst trockenen Unterlauf des Nils möglich.
Der Streit über die Nutzung dieser wertvollen Ressourcen ist so alt, wie die menschliche Besiedlung der Nilregion. Bedingt durch noch heute gültige britische Kolonialverträge von 1929 ist es Äthiopien untersagt, das Wasser des Nils umfassender zu nutzen, da der überwiegende Teil (etwa 85%) des Blauen Nils nach Ägypten fließen soll. So fordern etwa Ägypten etwa 55,5 Milliarden Kubikmeter und Sudan 18,5 Milliarden Kubikmeter Wasser. Der bislang einschneidenste Eingriff in den Fluss stellt dabei der gewaltige Assuan Staudamm „Sadd el-Ali“ dar. Die demographischen Entwicklungen in Ägypten und damit verbundenen Ernährungssituation waren die wesentlichen Argumente für seinen Bau in den 1960er Jahren. Die Nilhochwasser sollten unter Kontrolle gebracht werden, um die in Trockenzeiten aus dem Reservoir heraus bewässern zu können und in Flutzeiten das flussabwärts gelegene Ackerland zu schützen.
Alles an dem Projekt bewegt sich in unglaublichen Ausmaßen: Die Dammmauer mit ihren 111 Meter Höhe und 3800 Meter Länge staut den Nil zu dem riesigen, etwa 180 m tiefen Nassersee auf. Das gespeicherte Wasser ermöglicht eine ganzjährige Bewässerung von 300.000 Hektar Ackerland und garantiert zwei bis drei Ernten jährlich, mehr als 400.000 Hektar Wüste wurden zu fruchtbaren Feldern. Durch den Stausee verdoppelte sich die Stromgewinnung für den westarabischen Raum, zwölf Turbinen liefern bei voller Auslastung Energie von zehn Milliarden Kilowattstunden jährlich und produzieren fast ein Drittel des ägyptischen Stroms. Die Schiffbarkeit des Nils hat sich durch den Damm stark verbessert, außerdem sichert er die Trinkwasserversorgung. Soweit die auf den ersten Blick positiven Auswirkungen.
Doch scheinen die ökologischen Kosten des Mammutprojekt sogar noch höher zu sein, als zu Beginn des Bauarbeiten prognostiziert. Mittlerweile sind die schädlichen Folgen des Assuan-Staudamms für das Ökosystem Nil so stark, dass sogar die volkswirtschaftliche Bilanz negativ wird:
So kommt die biologische Produktivität fast zum Erliegen. Der fruchtbare Schlamm aus den abessinischen Bergen, den der Nil mit den alljährlichen Hochwasser aus seinem Oberlauf als natürlichen Dünger auf den Flutgebieten des Unterlauf abgeladen hat, bleibt zu circa 98% nun an der Staumauer hängen. Etwa 130 Millionen Tonnen liegen derzeit im Stausee brach liegen und führen langfristig zu dessen Verlandung. Mit der Einleitung ungeklärter Abwässer und dem massiven Einsatz chemischer Düngemittel wird unterhalb des Stausees versucht, das Ausbleiben dieser natürlichen Düngung zu kompensieren. Einleitungen und Dünger verschlechtern die Wasserqualität, zudem fehlen Schweb- und Nährstoffe, wodurch die Fischbestände ab Assuan dramatisch zurückgegangen sind. Für die Herstellung dieser Düngemittel wiederum wird ein signifikanter Teil des von dem Staudamm erzeugten Stroms verbraucht.
Auch das Ziel, die landwirtschaftliche Anbaufläche zu vergrößern, scheint sich mittel- und langfristig eher ins Gegenteil zu verkehren. Das Nildelta, das zwei Drittel der landwirtschaftlichen Nutzfläche Ägyptens umfasst, beginnt zu schrumpfen. Das Land setzt sich, weil keine neuen Sedimente mehr ankommen, das vorhandene trocknet aus und verdichtet sich. Die normale Küstenerosion wird so zusammen mit dem steigenden Meeresspiegel zur Gefahr für ganze Küstenabschnitte. Doch nicht nur das Delta, auch die Ränder des Nils sind gefährdet. Ohne die großflächigen Überschwemmungen werden die Ufer ständig dem sich ausbreitenden Wüstensand ausgesetzt. Außerdem verdunsten durch die Vergrößerung der Wasseroberfläche im Stausee jedes Jahr zusätzlich zur natürlichen Verdunstung und Versickerung 10 bis 16 Kubikkilometer Wasser, fast ein Fünftel der jährlichen Wassermenge von circa 80 Kubikkilometern.
Welche ungeahnten Folgen ein so nachhaltiger Eingriff in das natürliche Gleichgewicht eines Ökosystem haben kann, zeigt sich auch an der starken Zunahme der Wurmerkrankungen entlang des Flusslaufs. Die Ursache liegt in der Zunahme von Schnecken, die als Zwischenwirte die Wurmlarven an den Menschen weitergeben. Vor Bau des Staudamms wurde ihre Zahl durch die Trockenperioden und die anschließenden Überschwemmungen reguliert, heute finden die Schnecken durch die künstliche Bewässerung das ganze Jahr über ideale Lebensbedingungen vor.
Doch anstatt diese kurzsichtige Politik mit einer ökologischen Brille zu bekämpfen, tapsen noch weitere Nilanraiserstaaten blindlings in die Gigantomanie-Falle:
Die Regierung Mubarak sah in dem nächsten Mega-Projekt, Toshka, eine Möglichkeit, dem Landverlust durch den Staudamm zu begegnen: Vom Nasser-See wird Wasser mit der Mubarak-Pumpe über einen Kanal in die etwa 60km entfernte Toshka-Senke gepumpt. Dort dient es der Bewässerung riesiger Flächen, auf denen momentan hauptsächlich für den Export bestimmte Feldfrüchte angebaut werden. Die Probleme haben sich am anderen Ort jedoch nicht geändert: Kunstdüngereinsatz und ständige Bewässerung werden auch hier die Böden belasten. Zudem fehlt das nach Toshka gepumpte Wasser, zur Zeit etwa 25.000.000 m3 pro Tag. Zum Verständnis: Dies sind jährlich 9,125 Kubikkilometer Wasser und damit wesentlich mehr, als nach allen Entnahmen und erst nach Einleitung aller Abwässer überhaupt noch das Mittelmeer erreicht, nämlich nur noch 1,8 Kubikkilometer.
Und in dieser Situation will nun auch Äthiopien mit Megastaudamm-Projekten seine Energiegewinnung ausbauen und die Wasser des Nils für eigene Bewässerungsprojekte nutzen. 11.000 Megawatt, soviel wie acht größere Atomkraftwerke neueren Datums, sollen diese Staudämme einmal produzieren und Äthiopien damit zu einem der bedeutenden Stromerzeuger in Afrika machen. Die alte Weisheit, dass alle Flüsse ins Meer fließen, dürfte dann allerdings für den Nil nicht mehr gelten...
